Erinnern heißt danken

   "Heimat wird mit jedem Menschen neu geboren"

schreibt Christian Graf von Krockow in seinem Buch "Heimat - Erfahrungen mit einem deutschen Thema" Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, 2. Auflage 1989.

Stationen Heimat:  1935 Stettin - 1942 Evakuierung in das Seebad Misdroy auf der Insel Wollin 

Stationen Neues zu Hause: 1945  Burgdorf/Hannover - 1956 Oldenburg - 1958 Hannover - 1971 Neustadt/a.Rbge. - 1973 Bremen - Heimat der Kinder und von Enkelkindern

Alte Heimat im Osten - auf den Spuren der Vergangenheit

Stettin/ heute Szczecin an der Oder

Die Hafenstadt Stettin war Landeshauptstadt von Pommern, hatte 383.000 Einw. (1939) auf einer Fläche von 461 km².

Die Stadt erhielt 1243 Magdeburger Stadtrecht, war seit 1278 Mitglied der Hanse, wurde 1648 – 1720 als Folge des 30-jährigen Krieges schwedisch, danach (siehe unten, „Berliner Tor“) ab 1720 wieder preußisch und deutsch. Die Stadt ist 1944/45 durch alliierte Luftangriffe sehr stark zerstört worden.

  Stettin um 1935

Szczecin ist heute eine polnische Großstadt mit 407.000 Einwohnern (2008)

In seinem Buch "Mecklenburg-Vorpommern, die Stadt Stettin ausgenommen" berichtet der Journalist Bernd Aischmann (Thomas-Helms-Verlag Schwerin 2008) wie Stettin nach Ende des Zweiten Weltkriegs für 72 Tage eine deutsche Stadt bleiben sollte. Stalin hatte eine Grenze entlang der Oder vorgesehen. Frank Pergande referiert darüber in der FAZ: "Die Rote Armee nahm am 26. April 1945 die Stadt ein, die zuvor durch britische Bomben stark zerstört worden war. Die Rote Armee setzte einen deutschen Bürgermeister ein. Aber schon zwei Tage später kam eine polnische Verwaltungsgruppe in die Stadt, um die Macht zu übernehmen". Es gab zunächst eine polnische und eine deutsche Stadtverwaltung, letztere gestützt von der Sowjetunion - bis zum 5. Juli 1945. Dann endete die 72 Tage dauernde deutsche Nachkriegszeit, Stalin gab polnischem Drängen nach, Stettin und Swinemünde Polen zuzuschlagen. - "Die Alliierten sanktionierten offenbar Stalins Entscheidung auf der Potsdamer Konfrenz im Schloß Cecilienhof Ende Juli. Damit wurde klar: Stettin gehörte endgültig zu Polen." schreibt Frank Pergande in der FAZ vom 27. April 2009 (S. 10). -

Text aus der Internetseite (2004) von Szczezin/Stettin: „Im Mai 1945 war Szczezin/Stettin ein Trümmerfeld. Große Teile der Altstadt waren vollständig zerstört. Gleichzeitig wurden die noch verbliebenen deutschen Einwohner vertrieben. Am Ende dieser Aktion verblieben lediglich 4000 Deutsche in Stettin. Die neuen polnischen Bewohner, zu große Teil selbst aus den ehemaligen polnischen Gebieten vertrieben, nahmen sich der nun menschenleeren Stadt nur zögernd an. Jährlich kamen mehrere Zehntausend in die Stadt, doch erst im Jahre 1980 erreichte Stettin wieder die Einwohnerzahl von 1939. Der Wiederaufbau Stettins war schwieriger als in anderen Städten, weil die Zugehörigkeit zu Polen 1945 noch nicht klar war. So wurden einige öffentliche Gebäude abgerissen, darunter auch das beschädigte aber erhaltenswerte Stadttheater. Die Backsteine dieses und anderer Gebäude wurden für den Aufbau Warschaus verwendet. Immerhin fuhr im September 1945 wieder die erste Straßenbahn. Bei dem Aufbau Stettins wurde darauf verzichtet, die alte architektonische Struktur Stettins wiederherzustellen. Als tragisch stellt sich der Beschluß heraus, die alte Stadtkante zur Oder nicht neu aufzubauen. Stattdessen baute man in Höhe des ehemaligen Bollwerks eine vierspurige Schnellstraße. …“

Der Kern der Altstadt von Stettin wird seit einigen Jahren in begrenzten Bereichen nahe des Alten Rathauses im alten Stil wieder aufgebaut. Größere Teile der früher eng bebauten Innenstadt sind nach 1945 mit mehrgeschossigen Wohnblocks bebaut worden. Die in den Gründerjahren entstanden Straßenzüge und Prachtbauten entlang der früheren Kaiser-Wilhelm-Straße zeugen von dem Können des Pariser Baumeisters Hausman – aus dieser Zeit sind hier noch zahlreiche Gebäude erhalten und teilweise schon renoviert. – Das Schloß der Pommernherzöge, die Haken-Terrasse, die Kirche Peter und Paul, das Berliner und das Königstor erinnern an die Deutsche Vergangenheit und sind gut gepflegt. Am renovierten Berliner Tor (heute „Hafentor“) liest man (lateinisch): „Friedrich Wilhelm, König von Preußen, hat das Herzogtum Stettin – das an die brandenburgischen Kurfürsten abgetreten, später durch Schicksalsfügungen an die Schweden gekommen war – durch gerechte Verträge und für einen gerechten Preis bis zur Peene gekauft, erworben und für sich wiedergewonnen im Jahre 1719. Er hat dies Brandenburger Tor erbauen lassen“. Seit 2003 sind an diesen und weiteren historischen Gebäuden aus deutscher Zeit 3-sprachige Erläuterungstexte angebracht (Polnisch, englisch, deutsch), die ganz unideologisch mit der deutschen Vergangenheit umgehen: Polen zeigt sich Europa-offen.

Seit 2001 gibt es in Polen Postkarten-Bücher zu kaufen, in denen Ansichtskarten aus deutscher Zeit (mit deutschen Texten und handschriftlichen Grüßen) polnisch erläutert werden. Neuerdings sind ergänzend auch Anhänge mit deutschen Übersetzungen der polnischen Erläuterungen zu erhalten.

Misdroy auf der Insel Wollin

       Seebad Misdroy auf der Insel Wollin,

Neue  Lindenstraße 12

Jugend-Heimat 1942 - 45. Das Haus in der bekannten Seebäder-Architektur wurde 1944/45 durch allierte Bombenangriffe zerstört.

Bei einem ersten Besuch 1987 befand sich dort ein ungepflegter Not-Parkplatz.

Seit 2006 ist auf diesem und den Nachbargrundstücken eine mehrgeschossige Wohnanlage neu entstanden.

Allein einige auf dem alten Foto von 1935 noch jungen Lindenbäume haben die Zeiten überlebt. Von den 5 Linden auf der rechten Straßenseite stehen heute noch 3, die vordere und die ersten der beiden hinteren -    alle Bäume inzwischen wohl über 100 Jahre alt

Foto 2009

„Heimat wird mit jedem Menschen neu geboren, wie sie auch mit jedem Menschen stirbt. Und es gibt nur einen legitimen Ort, um das, was Heimat einmal war, für die nachfolgenden Generationen zu bewahren: Den anschaulichen Bericht, das Erzählen, die Literatur“ (Christian Graf von Krockow) – also das dokumentierte Erinnern: Erinnern heißt danken – Dank auch an frühere Generationen, darin wir wurzeln:

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Von links: Geburtshaus Großmutter Caroline Lucht, geb. Schulz in Misdroy an der Strandpromenade, Elternhaus Vater Werner Lucht (ehem. Gastwirtschaft und KaufLaden) in Warnow/ Wollin und Elternhaus Ruth Lucht, geb. Koch (ehemalige Großmolkerei im Kreis Cammin) in Stuchow/Cammin. Fotos aus dem Jahr 2003

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Bei unseren Besuchen im heutigen Polen wurde uns deutlich, inzwischen leben dort Menschen, für die das Land schon bis in die dritte Generation Heimat bedeutet - Heimat wird mit jedem Menschen neu geboren.

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   Am 27. März 1945 endete unsere Flucht aus Misdroy auf der Insel Wollin/Pommern in Burgdorf bei Hannover. Dort für einige Tage untergebracht in einem Auffanglager in der ehemaligen Konservenfabrik, Lagerstätten auf Stroh, wurden wir kurz vor Ostern in ein Haus in der Friederikenstraße eingewiesen,  2 Zimmer für 3 Personen, Toilette auf dem Hof. –

   Zu den Persönlichkeiten, die in den ersten Burgdorfer Jahren besonders in meiner Erinnerung geblieben sind, zählte Pastor Gustav Wißmann. Ich erinnere mich noch gerne an seinen Konfirmationsunterricht – an seine Frage, was meint ihr, wo ist Gott? Und seine Antwort … überall, in jedem von Euch.
                                                                                            Pastor Gustav Wißmann 1950
   Pastor Wißmann, geboren 1911 in Varlheide bei Rahden war aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Burgdorf gekommen. Aus einem Zeitungsbericht zu seinem 85. Geburtstag: Der Geistliche in Feldgrau war in Italien, in Wien und schließlich in Lappland. „Nach der Abkehr Finnlands vom Deutschen Reich geriet er in britische Gefangenschaft … Die Briten ließen die Wehrpässe verschwinden, um die Gefangenen nicht an die Sowjets ausliefern zu müssen.“

   1996 schrieb er mir in einem Brief aus Borstel bei Sulingen, wo er seit 1950 wirkte: Burgdorf nach dem Krieg… „es war für mich – nach 5 Jahren Soldat-sein - die schönste und wichtigste Zeit der „ersten Anfänge“ – Vorfrühlingsstimmung sozusagen. Äußerlich war es eine armselige Zeit. Aber im „Menschlichen“ war es so unendlich reich. Was mich damals so sehr beeindruckte, wenn ich durch die engen Wohnräume der vertriebenen Familien ging, das war die Tapferkeit der Mütter, Großmütter oder der anderen weiblichen Personen, die sich um die Kinder kümmerten. …“ Pastor Wißmann starb 1997.
St. Pankratius, ev. Kirche in Burgdorf um 1945


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Ich fühle mich seit über 30 Jahren mit meiner Familie in Bremen bestens zu Hause – Bremen ist zugleich die Heimat unserer Kinder und Enkelkinder.

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                                                                                   Informationsbroschüre des Bürgerparkvereins 2005              Seite 63

Originaltext:

     "Drei Enkelkinder freuen sich mit Ihren Großeltern über ihre gemeinsame Baumspende an der Bürgerparkverein".

Der Bremer Bürgerpark liegt mitten in Bremen, nördlich von Hauptbahnhof und Park Hotel, eine rd. 2km² große grüne Oase der Ruhe. Ein seit 1866 aufgebautes und gepflegtes Gartenkunstwerk, 1991 ausgezeichnet mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz. Für Spaziergänger, Radfahrer und mit dem Ruderboot - zu jeder Jahreszeit lohnt sich ein Besuch im Park und im Tiergehege. Der Park wird vom Bürgerparkverein gehegt und gepflegt – einmalig in Deutschland.

Einmalig ist auch, daß allein die Bremer Bürger mit ihrem privaten Engagement für den Erhalt ihres Parks sorgen, so mit Hilfe der Bremer Bürgerpark-Tombola, der Neujahrsspenden, der Gräfin-Emma-Stiftung, durch Legate und viele andere private Spenden und Aktivitäten – ohne jeden öffentlichen Zuschuß.

Siehe auch www.buergerpark.de